Geschichte in Liedern

Zeitreisen durch die deutsche Geschichte des 18. bis 20. Jahrhunderts

Der sterbende Trompeter

 

Der Teufel, dass ich daniedersank!

Wie werden die polnischen Lanzen,

wie werden die Schwerter bei anderem Klang

den Schlachtenreigen nun tanzen?

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Wohl stand ich so oft, wohl stand ich so oft,

umbraust von grimmigen Wettern,

und habe gehofft und habe gehofft,

in befreite Lüfte zu schmettern;

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Ich habe gehofft, wenn der blutige Tod

auf sausenden Kugeln geflogen,

gehofft, wenn er donnernd um mich gedroht,

gehofft und hab mich betrogen.

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Dass die Seele leichter von hinnen zieht,

Kameraden, seid jetzt beschworen!

Nehmt meine Trompete und blast mir das Lied:

»Noch ist Polen nicht verloren!«

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Und blast mir das Lied, sonst nichts, sonst nichts,

und lasst es mich sterbend noch hauchen!

Dann gebt sie mir wieder; am Tag des Gerichts

werd ich die Trompete ja brauchen.

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Denn wenn Gott den Toten auf Erden ruft,

wenn er will aus den Gräbern sie schrecken,

da muss er zuerst aus ihrer Gruft

doch die Trompeter erwecken.

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Das wird ein Tag der Freude, juchhei!

Wie spreng ich den drückenden Rasen,

um allen Völkern der Erde herbei

dann gegen die Russen zu blasenl

-

Dass die Seele leichter von hinnen zieht,

Kameraden, seid jetzt beschworen!

Gebt mir die Trompete und ich blas das Lied:

»Noch ist Polen nicht verloren!«

Georg Herwegh 1840

 

In einem späten Polenlied hält Georg Herwegh die Erinnerung an den polnischen Freiheitskampf hoch, um damit auch dem deutschen Kampf gegen die Bevormundung durch die Fürsten neue Nahrung zu geben.