Geschichte in Liedern

Zeitreisen durch die deutsche Geschichte des 18. bis 20. Jahrhunderts

Ich bin ein treuer Untertan

 

Ich bin ein treuer Untertan, was geht mich Recht und Freiheit an?
Ich lobe mir den edlen Hund, sein Herr schlägt ihm den Rücken wund
doch kriecht er wedelnd zu ihm hin und wimmert leis und lecket ihn
wohl jedem, der es sagen kann: ich bin ein treuer Untertan

Ich glaube, was der Priester spricht und glaubt er es auch selber nicht
mich freut es, wenn mein Weib und Kind in allem ihm gehorsam sind
mein Vater hat es so gemacht und ihm hats gute Frucht gebracht
wohl jedem, der es sagen kann: ich bin ein treuer Untertan

Der Adel schwelgt von meinem Brot, doch stürb ich auch den Hungertod
so gäb ich doch den süßen Herrn sogar den letzten Bissen gern
sie tragen ja fürs Vaterland ihr Kreuz und Stern und Ordensband
wohl jedem, der es sagen kann: ich bin ein treuer Untertan

Ich kenne zwar den Fürsten nicht, man sagt, er sei ein armer Wicht
er schwelge wie ein Großsultan und hänge feilen Dirnen an
wenn er mich auch mit Hunden hetzt, so ist er doch von Gott gesetzt
wohl jedem, der es sagen kann: ich bin ein treuer Untertan

Den Herrn Minister kenn ich zwar, ein ränkevoller Hofbarbar
vom Markt des Volkes nimmt er satt und gleich der Schlange bunt und glatt
doch er ist des Gesalbten Knecht und das macht alles gut und recht
wohl jedem, der es sagen kann: ich bin ein treuer Untertan

Gehorsam meiner Dienerpflicht hör ich Vernunft und Wahrheit nicht
und glaube nur dem Wundermann, der mir den Himmel öffnen kann
ich fürchte wohl zuweilen noch er finde nicht das Schlüsselloch
doch fang ich nicht zu zweifeln an und bleib ein treuer Untertan

Friedrich Lehne 1793

 

In Anlehnung an "Ich bin ein freier Mann" macht sich Friedrich Lehne in sarkastischem Tonfall über die Zögerlichkeit der Deutschen lustig; damit verbunden ist eine scharfe Kritik an den noch immer bestehenden Verhältnissen.