Geschichte in Liedern

Zeitreisen durch die deutsche Geschichte des 18. bis 20. Jahrhunderts

Was ist des Deutschen Tochterland?

 

Was ist des Deutschen Tochterland?

Ists Kamerun, Dualastrand?

Ists wo die Ambasbucht sich dehnt?

Ists wo der Schlund des Loba gähnt?

o nein, nein, nein

:|Neu-Deutschland muss wohl größer sein|:

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Was ist des Deutschen Tochterland?

Ists Lome heiß, ists Togostrand?

Ists, wo der Ewe Stoffe webt?

Der Haussa mit dem Pferde lebt?

o nein, nein, nein

:|Neu-Deutschland muss wohl größer sein|:

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Was ist des Deutschen Tochterland?

Ists Angra klein, Kaokosand?

Ists, wo der Hottentott sich regt,

Der Herero dort den Ochsen hegt?

o nein, nein, nein

:|Neu-Deutschland muss wohl größer sein|:

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Was ist des Deutschen Tochterland?

Ists Usagara wohlbekannt?

Ists, wo man Suaheli spricht?

Ists wo der Mtussi hält Gericht?

o nein, nein, nein

:|Neu-Deutschland muss wohl größer sein|:

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Was ist des Deutschen Tochterland?

So nenne mir das große Land,

gewiß ists Neu-Guinea dann,

Samoa hat mirs angetan.

o nein, nein, nein

:|Neu-Deutschland muss wohl größer sein|:

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Was ist des Deutschen Tochterland?

So nenne endlich mir das Land,

So weit die deutsche Flagge weht,

des Kaisers Macht und Wille geht.

Das soll es sein!

:|Das, kühner Deutscher, nenne dein!|:

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Das Größer-Deutschland soll es sein,

O, Gott, vom Himmel, sieh darein

und gib uns echten deutschen Mut,

dass wir es lieben treu und gut.

Das soll es sein! :|das Größer-Deutschland soll es sein!|:

Emil Sembritzki 1911

 

Emil Sembritzki, deutscher Lehrer in Kamerun, schreibt 1911 in enger Anlehnung an "Was ist des Deutschen Vaterland?" von Ernst Moritz Arndt (aus der Zeit der Befreiungskriege gegen Napoleon) ein programmatisches Koloniallied.

Die ersten fünf Strophen führen den Zuhörer geographisch durch die deutschen Kolonien, zunächst durch Afrika und dann in Richtung Südsee, lediglich Kiautschou fehlt. Die Ortsangaben werden dabei jeweils durch die einheimischen Völker und ihnen zugeordnete Eigenschaften ergänzt.

Vor allem die sechste und auch die siebte Strophen betonen dann die Hauptaussage des Liedes: das deutsche Kolonialreich soll sehr groß sein, nämlich "so weit die deutsche Flagge weht, des Kaisers Macht und Wille geht". Diese Formulierung setzt dem deutschen Kolonialstreben also letztlich keine Grenze, sondern stellt eine beliebige Erweiterung in Aussicht.

Ernst Moritz Arndt hatte die Grenzen Deutschlands mit dem Sprechen der deutschen Sprache gezogen (was 1871 weitestgehend erfüllt wurde), Emil Sembritzki ersetzt diese Vorstellung durch einen deutschen Machtbereich. Mit dieser Idee ist das Lied ein hervorragendes Beispiel für die Mentalität der verspäteten deutschen Kolonialbewegung (verspätet aufgrund der erst 1871 erfolgten deutschen Einheit, wodurch die deutsche Kolonialbewegung zeitlich deutlich hinter den Bewegungen anderer Nationen begann).