Geschichte in Liedern

Zeitreisen durch die deutsche Geschichte des 18. bis 20. Jahrhunderts

Wiegenlied einer polnischen Mutter

 

Schlaf ein, du weißt ja nicht, o Herz, warum du weinst;
Schlaf ein, ich will den wahren Schmerz dich lehren einst.

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Schlaf ein, o Herz, was kümmert dich der Feinde Sieg?
Dein Vater fiel für dich und mich im Heldenkrieg.

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Dich wird erziehn dereinst der Zar zur Sklaverei:
Doch als ich dich, o Kind, gebar, war Polen frei.

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O weh des Fluchs, der, teures Land, dich jetzt ergreift!
Es wird bereits durch Polenhand die Stadt geschleift.

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Mit Schaufeln naht dem Wall sich schon der Männer Gang;
Sie murmeln sacht, mit halbem Ton den Rachgesang.

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O großer Gott, mißhöre nicht den leisen Chor,
Und rufe laut vor dein Gericht den Würger vor!

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Es zehre Krieg und Pestilenz anseinem Reich,
Ihm scheine freudenlos der Lenz, die Rose bleich!

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Was wir begehrten, war ja nur, was uns gehört,
Was jener Mann sogar beschwur, der uns zerstört.

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Gott gab, so rühmt er, ihm das Reich, das kühn er lenkt;
Oh, hätte Gott ihm auch zugleich ein Herz geschenkt!

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Und du, o Säugling, atme leis im Schoß der Schmach,
Ahm aber einst im Männerkreis dem Vater nach!

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Du werdest noch der Stolz der Fraun, des Landes Zier,
Um einst die Tatzen abzuhaun dem Tigertier!

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Schlaf ein, du weißt ja nicht, o Herz, warum du weinst;
Schlaf ein, ich will den wahren Schmerz dich lehren einst!

August von Platen 1831

 

August von Platen versetzt sich mit seinem Text in die polnische Perspektive und verfasst eine Anklage gegen Zar Nikolaus I. Dabei gelingt es ihm, den polnischen Widerstandsgeist wortgewältig zum Ausdruck zu bringen.